· 

Was machst du beruflich? Dein Elevator-Pitch

 

Wie Du Dich nicht vorstellen solltest

 

Bestimmt kennt ihr die Situation – ihr seid bei einem Netzwerk-Event, auf einer Messe oder einem After-Work Drink in einer Bar, trefft auf neue Leute und werdet gefragt: „Und was machst Du so?“ Einfache Frage, leichte Antwort, möchte man meinen. Und doch scheitern die meisten von uns an diesem Smalltalk Elevator-Pitch. Ich bin Unternehmer, Weltverbesserer, Idealist, Berater, Erfinder, Philosoph, Entwickler, Designer, Manager, Gründer, CEO, CFO, COO, CMO, CTO, Teamleiter und Führungskraft, und natürlich mein eigener Chef. Oftmals bin ich sogar alles in einem. „Aha, ok. Spannend!“, sagt mein Gegenüber, wohl wissend, dass er gerade nichts über mich gelernt hat – außer, dass ich versucht habe, wichtig zu klingen.

Höflicherweise frage ich natürlich auch mein Gegenüber, was er denn beruflich mache. Und da er meiner Manager-CTO-Entwickler-Chef-Position annähernd gewachsen sein soll oder diese sogar noch übertrumpfen will, antwortet er, dass er „das nächste große Ding namens Software future XY“ herausbringen wird, jedoch darüber gerade noch nicht konkreter reden darf, da alles top-secret sei, aber die Orderbücher seien bereits alle voll, nur die Produktion verzögere sich, weil in China gerade die Gewerkschafter streikten. „Aha, ok. Spannend!“, sage ich, und denke mir was für ein langweiliger Möchte-gern. Bald darauf entschuldige ich mich zur Toilette, steuere die Bar an und ärgere mich nicht weiter über meinen eigenen schlechten Pitch, sondern vielmehr über diesen Snob, den ich spätestens beim nächsten Drink vergessen haben werde.

 

 

Doch an der Bar spricht mich der Organisator der Veranstaltung an, er stellt sich als „Netzwerker“ und „jemand, der überall Chancen und Lösungen sieht“ vor und fragt mich daraufhin, wer ich sei und wie er mir helfen könne. Puh! Wer bin ich? Und meint der Typ das tatsächlich wortwörtlich?! Er will mir ernsthaft helfen bei … -- ja, bei was überhaupt? Was brauche ich denn überhaupt? Und wer bin ich? Der Typ lächelt freundlich und sieht mich erwartungsvoll an, während ich mit meiner Manager-CTO-Entwickler-Chef-Leier ansetzen möchte. Doch die schlucke ich lieber herunter und verliere dabei beinahe die Visage. „Entschuldigung“ murmele ich unsicher vor mich hin. Er reicht mir einen Drink und wir stoßen an. „Vielleicht beginnen wir mit einer einfacheren Frage“, sagt er lächelnd. „Wobei diese für viele die größere Herausforderung ist, da sie sich selbst nicht mehr bewusst sind.“ Hilfe, was meint er denn jetzt?!?

 

„Was machen Sie gerne?“

 

„Hmm“, überlege ich. „Meine Hobbies sind Skifahren und Lesen…, aber wenn ich ehrlich bin, dann komme ich momentan gar nicht viel zum Lesen. Skifahren war ich in dieser Saison dafür an fünf Wochenenden. Aber tatsächlich waren das eher Tage zur Kunden-Bespaßung und Ausflüge mit ehemaligen Kollegen, damit ich den Kontakt zu diesem wichtigen Kreis nicht ganz verliere… Richtig gerne bin ich an der frischen Luft, beim Wandern in den Bergen. Wissen Sie, ich bin in den Pyrenäen aufgewachsen, dort fühle ich mich zuhause. Aber ich war lange nicht in den Bergen... Als Jugendlicher habe ich sogar Reisegruppen geführt, damals war ich aktiver Bergführer. Und heute… heute bin ich Schreibtisch-Sitzer und Netzwerkparty-Besucher.“ Wie traurig. Das alles sage ich mehr zu mir selbst als zu meinem Gegenüber, der immer noch lächelt und mich zurück in die Gegenwart bringt. „Na, ich bin mir sicher, Sie sind noch viel mehr als das! Ich helfe Ihnen gerne dabei, sich selbst zu finden.“ Ok, ist der Esoteriker?!? Da bin ich ja mal gespannt..

 

Mir selbst wurde vor noch nicht allzu langer Zeit von meiner Mentorin genau diese Frage gestellt – Wer Sind Sie? / Wer bist Du? – und ich antwortete ihr ganz selbstverständlich mit meinem Namen. Doch mein Gegenüber gab sich damit nicht zufrieden. Sie stellte dieselbe Frage, immer und immer wieder. Ich saß ihr dabei gegenüber, sie notierte meine Antworten auf einen Notizblock und unser Konversation drehte sich einzig und allein um diese Frage und meine Antworten. Eine ganze Stunde lang kramte ich in meinem Innersten und fragte mich selbst, wer ich denn nun tatsächlich bin. Und es ist spannend, was man plötzlich alles von sich gibt, wenn man scheinbar am Ende der Beschreibung seiner selbst angelangt ist. „Ich bin ein Sonnenschein“ sprudelte ich irgendwann hervor, und meine Mentorin schlug die Hände über den Kopf zusammen. „Frau Funk, Sie sind zu klein, zu privat und zu weiblich! Sie sind doch kein Sonnenschein! Ich lach mich kaputt..!“  Ich wurde verlegen, der „Sonnenschein“ sollte doch nur bedeuten, dass ich ein absolut positiv eingestellter Mensch war, dessen Glas immer halb voll ist. Aber wenn ich das meinte, dann sollte ich das natürlich auch so sagen, statt auf blumige Bilder zu setzen. Nun gut.

 

 

Spätestens nach zehn Minuten war ich überfragt. Mehr als eine halbe Stunde mit ein und derselben Frage zu füllen, ist verdammt schwer! Doch erst viel später gab sich meine Mentorin zufrieden. Schließlich gingen wir zusammen jede einzelne meiner Antworten durch und analysierten sie anhand folgender zwei Dimensionen: öffentlich versus privat, und groß versus klein. Nachdem ich eine Unternehmerin bin, bin ich eine öffentliche Person, die dementsprechend und nicht zuletzt wegen meiner Geschäfte öffentlich auftreten muss. Außerdem möchte ich ja eine erfolgreiche Unternehmerin sein, über die man erfolgreich, also groß, spricht. Doch wenn ich erwartete und wollte, dass andere Leute groß über mich sprachen, so musste ich schon selbst damit beginnen, mich groß (und keineswegs arrogant!) über mich zu äußern. Denn letztendlich konnten die Leute nur darüber sprechen, was sie über mich erfuhren – und das beinhaltete letztendlich das, was sie über mich hörten bzw. das, was ich von mir gab.

Die Übung ist recht einfach in der Theorie. Die Herausforderung liegt in der Praxis und darin, die großen und öffentlichen Antworten zu verinnerlichen und schließlich mit diesen und ausschließlich diesen Aussagen durch die Welt zu schreiten. Hat man das geschafft, so meistert man zukünftig nicht nur jede Netzwerk-/Smalltalk-Runde, sondern gewinnt zugleich an Selbstvertrauen und Ansehen. Doch wie funktioniert das nun in der Praxis?

 

 

Wie Du ausdrückst, was Dich ausmacht:

 

Du brauchst dazu eine Stunde Zeit, etwas zu Schreiben und ein Gegenüber, eine Person, die Dich fortwährend und hartnäckig fragt, wer Du bist. Dein Gegenüber schreibt Deine Antworten stichpunktartig, aber möglichst wortgetreu (!) auf. Gib nicht sofort auf, wenn Dir nach den ersten zehn Minuten nichts mehr einfällt. Frag Dich stattdessen, was Deine Freunde, Deine Eltern, Deine Kollegen, etc. sagen würden, wer Du bist. Wie würden Sie Dich in einem Satz beschreiben? Was würdest Du antworten, wenn Dich Dein zukünftiger Arbeitgeber fragt: „Erzählen Sie doch einmal ein bisschen über sich, wer sind Sie?“ Oder stell Dir die Frage: Was würden (oder sollten) Deine (zukünftigen) Kinder einmal über den Papa/die Mama sagen? Was würden (oder sollten) die Leute an Deinem Grab einmal sagen? Was macht Dich als Person aus? Was ist Dein Kern? Wer bist Du?

 

 

Sobald Dir wirklich nichts mehr einfällt und Du denkst, dass Dein Gegenüber nun alles notiert hat, betrachtet ihr die Notizen gemeinsam - Zeile für Zeile. Dabei ist der Wortlaut, wie Du die Antworten gegeben hast, sehr ausschlaggebend. Fragt Euch beim Lesen, ob sich die Aussagen auf Dich als Privatperson (p) oder aber auf Dich als öffentliche Person (ö) beziehen. Fragt Euch des Weiteren, ob die einzelnen Aussagen auf einen außenstehenden Unbekannten groß (g) oder aber eher klein (k) wirken. Am Ende steht vor jeder Deiner Antworten ein g bzw. k sowie ein bzw. ö. Alle Antworten, die groß und zugleich öffentlich sind, schreibt ihr auf einen neuen Zettel. Oftmals lassen sich kleine Aussagen mit etwas Kreativität viel größer formulieren. Beispielshalber kann aus „Ich bin eine große Stütze für meine Chefin“ durch Vergrößerung „Ich bin die rechte Hand meiner Chefin“ werden, oder aus „Ich helfe gerne anderen Menschen“ beim genaueren Betrachten „Ich bin ein gefragter Mensch; meine Freunde suchen gerne meinen Rat, weil ich ein Lösungsgenerator bin.“ Ziel der Übung ist es, dass schlussendlich auf dem neuen Zettel mindestens fünf große & öffentliche Aussagen über Dich stehen, die Du ohne weiteres unterschreiben würdest. Voraussetzung ist, dass die Aussagen authentisch sind, also zu Dir passen und keineswegs abgehoben oder arrogant klingen. Wenn Du voll und ganz hinter diesen Aussagen stehst, diese Dich treffend umschreiben und Du gerne mit diesen Charakteristika assoziiert werden möchtest, dann beginne damit, diese Kernbotschaften Deiner Person zu verinnerlichen. Lies Dir Deinen unterschriebenen Zettel täglich laut vor und fühle, wie die Worte in Deinen Ohren klingen. Bald weißt Du, was auf Deinem Zettel steht, und würde ich Dich im Schlaf wecken, und Dich fragen, wer Du bist, dann könntest Du die Aussagen von Deinem Zettel wie aus der Pistole geschossen wiedergeben.

 

Fortan könnte ich Dich an der Bar einer Netzwerk-Veranstaltung ansprechen und mit großer Wahrscheinlichkeit würde ich Dir gespannt zuhören und mir denken „Was für ein interessanter Typ!“ Irgendwann würdest Du dich zur Toilette entschuldigen, doch Du würdest mir den ganzen Abend in Erinnerung bleiben. Ich würde anderen Leuten auf der Party davon berichten, dass mir ein „Lösungsgenerator“ begegnet sei und die Unterhaltung mit ihm richtig spannend war. Gerne würde ich Dir weitere interessante Leute vorstellen, die auch für Dich von Interesse sein könnten! Und am Ende des Abends weiß jeder im Raum, wer Du bist und was Dich ausmacht. Den Anstoß dazu hast Du selbst gegeben, denn Du hast mir davon berichtet, wie Du erst kürzlich aus dem Problem eines befreundeten Unternehmers eine Herausforderung gemacht hast, die etliche Chancen birgt. Deshalb bleibst Du mir im Gedächtnis! Was stand gleich nochmal auf Deiner Visitenkarte? CTO und Entwickler. -- Ach egal. Du bist bei mir und allen anderen fortan als „Lösungsgenerator“ abgespeichert.

   

Stelle die richtigen Fragen und Du bekommst die richtigen Antworten

 

Netzwerk-Steh-Parties sind für viele noch das kleinere Übel. Es gibt die Bar, es gibt die Toilette in Reichweite, man kann wandern, sich an seinem Getränk festhalten. Und mit etwas Glück kennt man sogar den ein oder anderen, auf den man notfalls zurückgreifen kann, sofern der Smalltalk mit den Fremden einen anödet. Schlimmer dagegen sind Sitz-Veranstaltungen; und am Schlimmsten sind die, bei denen man den ganzen Abend lang neben der scheinbar langweiligsten Person im Raum verbringen muss. Mit so einem Nachbar teile ich auf den ersten Blick nicht die geringsten Interessen. Er hat weder mein Alter, noch mein Geschlecht (super, nicht mal über Fußball kann ich mich mit ihm unterhalten..!). Er trägt andere Klamotten, und zwar gar nicht nach meinem Stil. Sein Beruf sagt bereits alles über seine Person aus. In einem Satz wird er mir bald erklärt haben, dass er Wirtschaftsprüfer ist; er wird mich noch nach meinem Job fragen und damit wird unsere Unterhaltung dann schnell und sicher ein Ende finden.

Früher hasste ich diese Art von Veranstaltungen. Heute liebe ich es, die Leute zu überraschen und sie aus ihrer Komfortzone zu locken! ☺ Denn seit geraumer Zeit frage ich meinen Small-Talk-Partner nicht mehr klassisch „Und was machst Du so?“ sondern vielmehr „Und was machst Du gerne?“, und zwar bevor ich mich nach dem Beruf oder dem Namen seines Unternehmens erkundigt habe.

Diese Frage schafft (Ver)Wunder(ung). Denn meist stellt sich der Gefragte diese Frage erst mal selbst, bevor er darauf antworten kann. Viele Menschen wissen nämlich gar nicht (mehr) genau, was sie denn tatsächlich (nicht eigentlich!) gerne machen. Das heißt, diese Frage bewirkt nicht nur, dass Leute ihre Hobbies wiedergeben, sondern sich ernsthaft fragen, ob sie ihren (tatsächlichen!) Leidenschaften nachgehen, ob sie ihren Leidenschaften genügend Raum und Zeit schenken, oder ob sie sich stattdessen die meiste Zeit mit Dingen befassen, die sie (tatsächlich!) nicht gerne machen.

 

 

So saß ich einmal als junge Sinologie-Studentin beim Business-Dinner neben der Personalchefin einer großen deutschen Bank. Ich wusste damals, dass ich zum Thema Banken nichts wusste und genauso wenig würde sich die gute Frau ( -- vor der ich gehörig Respekt hatte -- ) um mein Sinologie-Studium scheren. Doch wir beide hatten das gegenseitige Vergnügen, die darauffolgenden 2-3 Stunden irgendwie mit Gesprächsinhalten zu füllen, sofern wir nicht notorisch auf unsere Teller starren wollten. Geistesgegenwärtig stellte ich ihr die Frage, was sie denn gerne tue. Die Abteilungsleiterin hielt kurz inne und überlegte, und dann sprudelte es nur so aus ihr heraus: Sie fuhr gerne nach Italien, Sizilien, sie liebte Oliven direkt vom Baum und getrocknete Tomaten. Sie tanzte am Liebsten unter italienischem Sternehimmel, und und und. Schon alleine beim Thema Essen hatten wir tausende von Anknüpfungspunkten. Die langweilige Bankerin entpuppte sich als leidenschaftliche Genießerin und Abenteuer-Erzählerin. Schließlich fragte sie auch mich, was ich denn gerne machte; und wir teilten unsere gemeinsame Liebe für die Musik und Alkohol ;-) Der Abend war für uns beide unglaublich kurzweilig, doch das Entscheidende widerfuhr mir erst ein halbes Jahr nach besagtem Business-Dinner auf einer anderen Veranstaltung, bei der wir uns zufällig wieder begegneten.

 

Mir war ihr Name nicht mehr präsent, ohnehin habe ich ein schlechtes Namensgedächtnis. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wusste auch die Bankerin nicht mehr, wie ich hieß. Doch sie kam freudestrahlend auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte, „Du bist doch die Musikerin, die Alkohol vertreibt!“ – „Genau, und Du bist die, die regelmäßig und gerne auf Sizilien Urlaub macht!“ Ich denke, sie weiß bis heute nicht, dass ich ursprünglich Sinologin bin, genauso wenig haben wir uns bis dato über das Bankenwesen ausgetauscht. Und doch schätzen und kennen wir den jeweils anderen ein Stück weit, weil wir wissen, was sie gerne macht!

 

Freu Dich auf Deine nächste Netzwerk-Veranstaltung!

Werde Dir erst selbst darüber bewusst, wer Du bist und was Dich ausmacht! Erarbeite Dir Deine fünf Sätze und verinnerliche sie so, dass Du sie im Schlaf wiedergeben könntest! Überrasche Dein Gegenüber, indem Du ihn fragst, was er/sie gerne macht! Und sei Dir natürlich auch bewusst, was Du selbst gerne machst!

Wenn dieser Beitrag für Dich wertschöpfend war und Du gerne weitere Tipps und Tricks erfahren möchtest, dann kontaktiere mich gerne via andrea.funk@decider.de

 

Deine Andrea

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0